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Interview mit Dr. Nick Kratzer

Burn-out - Problem oder Hype?


Dr. Nick Kratzer ist Soziologe am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Forschung zu betrieblichen Reorganisations- und Rationalisierungsstrategien, deren Folgen für Arbeit und Beschäftigung, wie die Entgrenzung von Arbeit und Leben sowie die Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit. Vor diesem Hintergrund hat sich Business Technology mit ihm über das Phänomen Burn-out als Krankheit, Hype-Thema und mögliche Lösungsstrategien unterhalten.

Business Technology: Warum wurde Burn-out als Beschreibung für eine psychische Belastung in den vergangenen Jahren so ein großes Thema?

kratzer_nick_interview.tif_fmt1.jpgDr. Nick Kratzer

Dr. Nick Kratzer: Ich glaube dafür gibt es zwei Gründe: Der erste Grund ist, dass es immer gut und wichtig, aber auch gefährlich ist, wenn man einen Begriff für das hat, was da diffus mit einem passiert. Jetzt kann man also hergehen und sagen „Ich habe Burn-out“. Was das genau ist, was sich dahinter alles verbirgt und wie schlimm das eigentlich ist, ist bei so einem Sammelbegriff gar nicht richtig klar. Dazu gibt es eine Wechselwirkung zwischen einer öffentlichen Thematisierung, die dann auch verstärkt die Diagnostik nach sich zieht. Die Menschen profitieren davon, die Ärzte und Kliniken haben einen Begriff, mit dem sie arbeiten können, und dann gibt es natürlich einen Markt rund um Burn-out. Das reicht bis hin zum Burn-out-Hype, worüber man dann z. B. auch mehr oder weniger gute Bücher schreiben kann. Der eine Punkt ist also ein mediales Interesse und eine Thematisierung. Und der andere Punkt ist, egal, ob das ein Hype ist und ob der Begriff wissenschaftlich irgendwas aussagt – er verweist zumindest irgendwie auf ein Problem. Es gäbe nicht die ganzen Leser, Zeitschriften, Bücher und Seminare, wenn das Problem nicht tatsächlich existieren würde. Das ist meine vorsichtige Herangehensweise. Das Problem ist ganz offensichtlich, dass es eine von den Beschäftigten zunehmend wahrgenommene Be- und Überlastung gibt, die Folgen hat. Es gibt diffuse, unterschiedliche Folgen psychischer Überlastung. Das geht von Erschöpfung über Lustlosigkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und diese ganzen Symptomatiken, und man täte dieser Problemstellung und den Menschen, die darunter leiden, schwer Unrecht, wenn man sagt, dass das alles nur ein Hype ist.

Von daher würde ich sagen, Burn-out und Work-Life-Balance sind Begriffe, die viel gemeinsam haben: Einerseits sind es wissenschaftlich sehr schwache Begriffe, andererseits sehr populäre. Und sie beschreiben die zwei Pole der gegenwärtigen Entwicklung: Work-Life-Balance ist sozusagen der strahlende, positive Pol, die perfekte Vereinbarkeit mit dem aktiven, souveränen Individuum im Zentrum, das mit verschiedenen Anforderungen jongliert und dabei stets gelassen bleibt bzw. wenn nicht, auch die Fähigkeit hat, sich schnell wieder zu entspannen, das Leben als Herausforderung zu sehen und handlungsfähig zu sein. Auf der anderen Seite hat man dann sozusagen den hässlichen Bruder Burn-out; da ist man eben gescheitert – an sich selbst oder an den Arbeitsbedingungen. Man ist nicht mehr gelassen, nicht mehr handlungsfähig oder souverän und am Ende eben auch nicht mehr aktiv. Beide Pole verweisen aber schlussendlich darauf, dass es ein Problem gibt. Ich würde nicht über Work-Life-Balance reden, wenn die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Privatleben so einfach wäre. Insofern ist also meine Doppelbotschaft klar: Hype, Markt, Hysterie – aber auch Indikator für ein tiefer liegendes Problem, das wir für ziemlich dramatisch halten.

BT: Es gibt keine klare Krankheitsbeschreibung, aber ein medizinisches Problem, das auch behandelt werden muss. Ist Burn-out insofern ein Euphemismus, der für depressive Krankheiten oder Ähnliches benutzt wird, weil diese immer noch stigmatisiert sind?

Kratzer: Es ist klar, dass „Burn-out“ ein relativ dankbarer Begriff ist, weil er etwas fast schon positiv wendet, das erst mal eigentlich komplett negativ ist: ein persönliches Scheitern; ein persönliches Problem. Unter dem Titel „Burn-out“ wird daraus eine Krankheit, wenn auch nur als eine Zusatzklassifikation, deren Ursache nicht darin begründet liegt, dass man sozusagen ein „Schlaffi“ ist, sondern darin, dass man sich komplett verausgabt hat. Man hat eigentlich das Richtige gemacht, man war leistungsfähig. Diese Frage nach der Leistungsfähigkeit, der Produktivität, wenn man so will, steht da schon im Zentrum: Das Leitbild ist ein leistungsfähiges, souveränes Individuum.

BT: Wie wird damit umgegangen, wenn dem Patienten die Krankheit äußerlich gar nicht anzumerken ist?

Kratzer: Da sitzen Menschen auf der Arbeit und merken, dass sie es irgendwie nicht mehr hinkriegen. Dann passiert etwas mit ihnen. Das klassische Muster ist, dass sie immer mehr machen – das hängt jeweils von den Persönlichkeiten ab, hat aber auch mit den Arbeitsbedingungen zu tun. Burn-out bedeutet zunächst, dass die Leute Gas gegeben haben und jetzt den Preis dafür bezahlen, obwohl man eigentlich gar nichts falsch gemacht hat.

BT: Wie sieht das aus Sicht von Arbeitgeber und Arzt aus?

Kratzer: Wir haben zum Teil Interviews mit Betriebsärzten geführt, die sich da sehr gespalten gezeigt haben, weil sie sagen „Vergessen Sie es, einen Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastungen und den Folgen herstellen zu wollen, das wird Ihnen nicht gelingen, weil dazwischen so viele Faktoren liegen, alles hoch individuell ist usw.“ Von daher werden die den Teufel tun und zu einem Unternehmen gehen und sagen, dass es immer mehr Burn-out-Fälle oder ein Problem bzw. eine drohende Burn-out-Epidemie gibt. Gleichzeitig sagen sie, dass sie immer mehr Leute in ihrer Praxis haben, die am Limit sind. Ob die nun psychosomatische Erkrankungen oder auch somatische Symptome, wie Migräne, Magenprobleme oder Ähnliches haben,...

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