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Architekturreviews als IT-Managementinstrument

Worauf es bei Architekturreviews ankommt


Architekturreviews sind ein wichtiges Mittel, um Anwendungs-, System- und Integrationsarchitekturen auf den Prüfstand zu setzen. Ihr Ziel besteht darin, eine neutrale und objektive Einschätzung zu erhalten, wie trag- und zukunftsfähig eine Architektur ist und welche Maßnahmen erforderlich sind, eine Architektur auf das Zielbild hin zu entwickeln.

Die Durchführung von Architekturreviews erfordert zum einen Know-how rund um die unterschiedlichen Aspekte von Architekturthemen (z. B. logische und operationale Modelle, Rahmenwerke, Technologiekom­ponenten). Zum anderen sind aber auch hohe soziale Kompetenzen bei der Durchführung des Reviews vonnöten, um auf die wirklichen Kernprobleme zu stoßen und die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen adäquat vermitteln zu können.

Motivation zu Architekturreviews

Jeder guten IT-Lösung liegt eine optimale, tragfähige und stabile Architektur zugrunde, die die fachlichen und nicht fachlichen (nicht funktionalen) Anforderungen erfüllt. Hierbei fassen die Autoren unter Architektur die gesamte Bandbreite einer IT-Lösung von Fachlichkeit über Anwendungsarchitektur bis hin zur Infrastruktur zusammen. Architekturreviews werden typischerweise aus folgenden Anlässen initiiert:

  • Identifikation von Lücken bei neuen Architekturen

  • Einsparungen an Entwicklungs- und Betriebskosten von IT-Systemen

  • Bewertung der Tragfähigkeit bestehender Architekturen

  • Entscheidungsgrundlage für Investitionsschutz bei Architekturänderungen

Architekturreviews sind im gesamten Lebenszyklus einer IT-Lösung möglich und verfolgen in der Praxis unterschiedliche Zielsetzungen. Im Folgenden gehen die Autoren auf die einzelnen Motivationen zu Architekturreviews detailliert ein.

Kern jedes Architekturreviews ist die Herausarbeitung vor oder zu Beginn des Reviews, welche Frage(n) für wen beantwortet werden muss/müssen, damit das Review fokussiert durchgeführt und letztendlich auf die Zielerreichung hin überprüft werden kann.

1. Identifikation von Lücken bei neuen Architekturen: Zu Beginn eines IT-Projekts wird festgelegt, welche Vorgehensweise respektive Methodik für die Realisierung der Lösung einzusetzen ist. In der Vorgehensweise wiederum sind die technischen Konzepte mit den Architekturartefakten zu finden, die in der recht frühen Designphase eines Projekts zu erstellen sind. Während der Umsetzung/Implementierung müssen diese auf ihre konsequente Einhaltung hin geprüft werden. Die Architekturaspekte werden oft nicht in ausreichender Qualität und in unterschiedlicher Breite und Tiefe beschrieben, nur selten verifiziert oder von technischen Verantwortlichen abgenommen. Dies kann vom Wissensstand und der Erfahrung des beteiligten Architekturteams abhängen, jedoch auch von der Art, wie die eingesetzte Methodik gelebt wird, sowie vom Termindruck im Projekt. Werden Fehler in den technischen Konzepten erst im späten Projektverlauf (z. B. in der Testphase) oder sogar nach Inbetriebnahme eines Systems entdeckt, sind diese nur mit einem hohen Aufwand zu beheben. Diverse Untersuchungen haben gezeigt, dass mit Reviews 85 Prozent der Fehler bei einem 25-prozentigen Gesamtaufwand gefunden werden können [1], [2]. Die Motivation besteht darin, das Risiko von Fehlern in den technischen Konzepten zu minimieren und eventuelle Lücken zu nicht behandelten Architekturaspekten frühzeitig zu identifizieren. Dadurch können nachträgliche Änderungen oder Anpassungen an der Architektur mit weitreichenden Folgen vermieden werden.

2. Einsparungen an Entwicklungs- und Betriebskosten von IT-Systemen: Die traditionellen Phasen einer Software- oder Anwendungsentwicklung bestehen aus Analyse, Spezifikation, Design, Implementierung, Test, Wartung und Betrieb. In der herkömmlichen Entwicklung wird der Fokus erst in der Testphase auf die Fehlerbehebung gelegt. Dadurch, dass die Kosten einer Fehlerbehebung in einer frühen Phase der Entwicklung wesentlich niedriger sind, werden so genannte „frühe“ Architekturreviews auch eingesetzt, um die Entwicklungs- und Betriebskosten in der Gesamtsicht zu senken [3]. Die Kosten für Architekturreviews werden von Projektbeteiligten eines zu entwickelnden Systems aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. So teilen Entwickler die Meinung, dass Architekturreviews nur Zeit und Geld kosten, ohne dabei einen echten Mehrwert zu liefern. Untersuchungen zeigen, dass in einer frühen Projektphase durchgeführte Architekturreviews durchaus zu kosteneffizienten Maßnahmen führen und viel Geld einsparen können. Weitere Auswirkungen sind die Steigerung der Qualität und die Reduzierung von Risiken in den frühen Entwicklungsphasen.

3. Bewertung der Tragfähigkeit bestehender Architekturen: Die Anwendungslandschaft vieler Unternehmen ist über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg gewachsen. Oft wurden dabei Anforderungen, die es im Rahmen der Weiterentwicklung produktiver Anwendungen umzusetzen galt, nicht unter Einhaltung der Architekturvorgaben realisiert. Die Ursachen dafür können unterschiedlicher Herkunft sein:

  • Das Budget für die Realisierung der Anforderungen ist so knapp bemessen, dass nur die fachliche Funktionalität umgesetzt wird und die saubere Einbettung in die bestehende Architektur auf der Strecke bleibt.

  • Das Entwicklungsteam wurde während der Weiterentwicklung ausgetauscht und der Wissenstransfer bezüglich der Architektur hat nicht oder nur teilweise stattgefunden.

  • Der Termindruck für die Umsetzung neuer Anforderungen war so hoch, dass eher „Balkone“ an eine bestehende Anwendung angebaut wurden, anstatt erforderliche Anpassungen bzw. Erweiterungen der Architektur vorzunehmen.

  • Seit der Einführung der Anwendung und deren Weiterentwicklung über viele Jahre hinweg hat kein Re-Engineering der Architektur stattgefunden.

Wenn die Architektur viele Jahre lang vernachlässigt wurde, kommt für jeden IT-Leiter und/oder Systemverantwortlichen der Zeitpunkt, an dem die Stabilität und Tragfähigkeit der Architektur auf den Prüfstand muss. Spätestens wenn sich die Beschwerden der Endbenutzer hinsichtlich Performance, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit einer Anwendung häufen, liegt eine weitere Motivation zum Architekturreview vor.

4. Entscheidungsgrundlage für Investitionsschutz bei Architekturänderungen: Um Synergien in der IT zu schaffen, werden unter anderem gleichartige Anwendungen zusammengelegt. Dies bedeutet, dass Anwendungen komplett oder zumindest in Teilen abgelöst werden und eine bestehende Anwendung diese Funktionalität übernimmt oder eine neue Anwendung hierfür entwickelt wird. Wird eine bestehende Anwendung um Funktionalitäten erweitert, muss diese künftig die Verarbeitung eines höheren Datenaufkommens bewerkstelligen. Deshalb muss vor der Entscheidung eines solchen Vorhabens genau untersucht werden, ob die bestehende Architektur dies auch erfüllen kann. Das Augenmerk ist dabei vor allem auf die Skalierbarkeit der Anwendung zu richten, damit das höhere Datenvolumen in den vorgesehenen Durchlaufzeiten verarbeitet werden kann. Ein Ergebnis kann dabei sein, dass eine Modernisierung der Architektur erforderlich ist, die erhebliche Investitionen voraussetzt. In diesem Fall verbirgt sich hinter der Motivation eines unabhängigen Architekturreviews die Erstellung einer Entscheidungsvorlage für den Investitionsschutz. Die Betonung liegt dabei auf „unabhängig“, um persönliche Interessen einzelner IT-Verantwortlicher zu vermeiden und um ein unternehmensneutrales sowie objektives Ergebnis zu erhalten. Wichtig ist dabei auch die neutrale Einschätzung der Architektur hinsichtlich ihrer Konformität zur strategischen IT-Ausrichtung. So ist es beispielsweise nicht sinnvoll, eine Host-seitige Architektur mit hohem Aufwand zu erweitern, wenn die strategische IT-Ausrichtung eine generelle Ablösung der Host-Anwendungslandschaft vorsieht.

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