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Entwickler Magazin
Interview mit Harald Bosch

„Wie sehen Algorithmen die Welt?“

Entwickler Magazin Spezial: Auf dem Weg von der Idee zum tatsächlich operierenden KI-System stößt man auf so manche Hürden. Wir wollen uns einmal vier Problembereiche vornehmen: die Perspektive, die Daten, die Umsetzung und die Managementvorgaben. Beginnen wir mit der Perspektive: Es gibt die These, dass es für eine praxistaugliche KI eines Perspektivwechsels bedarf - der gesunde Menschenverstand allein reiche hierbei nicht aus. Weshalb ist das so?

Harald Bosch


Harald Bosch: Dabei geht es eigentlich um zwei Perspektiven und darum, dass diese nicht deckungsgleich sind. Wie sieht ein Lernalgorithmus eigentlich die Welt? Was sind für ihn einfache und was schwierige Problemstellungen? Um diese Fragen zu beantworten, hilft der gesunde Menschenverstand – also zu wissen, wie schwierig die Aufgabe für einen Menschen ist – nicht weiter. Die Perspektiven eines Menschen und eines Lernalgorithmus sind fundamental verschieden. Vor den ersten praktischen Berührungspunkten haben viele ein falsches Bild vom Themenfeld Künstliche Intelligenz. Man legt die Begriffe „Intelligenz“ und „Lernen“ so aus, wie man ihnen im Alltag eben begegnet. Intelligent ist jemand, der mitdenkt, Dinge in Bezug zueinander setzen kann und belesen ist. Lernen heißt – im Idealfall –, dass man etwas aufnimmt und in sein bestehendes Weltwissen einsortiert. Je mehr man schon weiß, desto besser kann man neue Dinge einsortieren. Maschinelles Lernen konzentriert sich hingegen oft auf eine sehr konkrete Aufgabe und lernt nur über die Fehler, die es beim Lösen der Aufgabe macht. Es hat kein Weltwissen über den Anwendungsfall hinaus und versteht eigentlich nicht einmal die Aufgabenstellung. Das Einzige, was es lernt, ist den Fehler bei der Verarbeitung der Trainingsdaten zu minimieren. Wir hoffen, dass dabei ein System entsteht, das auch bei neuen, unbekannten Eingangsdaten sinnvolle Entscheidungen trifft, aber im Prinzip könnte es auch einfach die Eingabedaten auswendig lernen. EMS: Welche Hürden gilt es im Bezug auf die Perspektive zu überwinden? Vielleicht kannst du da einmal ein Beispiel herausgreifen und erläutern?Bosch: Es hilft, sich seiner Perspektive bewusst zu sein und diese auch wechseln zu können. Dabei gibt es drei wesentliche Eigenschaften einer Problemstellung, die man sich anschauen kann. Die Datenrepräsentation, den Möglichkeitsraum und die Glattheit.Für einen Menschen ist es beispielsweise sehr einfach, einen Satz zu lesen und zu entscheiden, ob der Autor glücklich oder unzufrieden ist. Es war schließlich in unserem Leben von Kindheit an hilfreich, die Stimmung anderer Menschen zu „lesen“.Ein lernendes System weiß nicht einmal, dass es so etwas wie Wörter gibt, und dass diese in Bezug zueinander stehen können. Wir müssen die Daten erst in eine geeignete Repräsentation transformieren. Das einfachste Modell für textuelle Daten ist beispielsweise das sogenannte Bag-of-Words, bei dem jedes Wort als eine getrennte Dimension aufgefasst wird. Dabei g...

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Interview mit Harald Bosch

„Wie sehen Algorithmen die Welt?“

Entwickler Magazin Spezial: Auf dem Weg von der Idee zum tatsächlich operierenden KI-System stößt man auf so manche Hürden. Wir wollen uns einmal vier Problembereiche vornehmen: die Perspektive, die Daten, die Umsetzung und die Managementvorgaben. Beginnen wir mit der Perspektive: Es gibt die These, dass es für eine praxistaugliche KI eines Perspektivwechsels bedarf - der gesunde Menschenverstand allein reiche hierbei nicht aus. Weshalb ist das so?

Harald Bosch


Harald Bosch: Dabei geht es eigentlich um zwei Perspektiven und darum, dass diese nicht deckungsgleich sind. Wie sieht ein Lernalgorithmus eigentlich die Welt? Was sind für ihn einfache und was schwierige Problemstellungen? Um diese Fragen zu beantworten, hilft der gesunde Menschenverstand – also zu wissen, wie schwierig die Aufgabe für einen Menschen ist – nicht weiter. Die Perspektiven eines Menschen und eines Lernalgorithmus sind fundamental verschieden. Vor den ersten praktischen Berührungspunkten haben viele ein falsches Bild vom Themenfeld Künstliche Intelligenz. Man legt die Begriffe „Intelligenz“ und „Lernen“ so aus, wie man ihnen im Alltag eben begegnet. Intelligent ist jemand, der mitdenkt, Dinge in Bezug zueinander setzen kann und belesen ist. Lernen heißt – im Idealfall –, dass man etwas aufnimmt und in sein bestehendes Weltwissen einsortiert. Je mehr man schon weiß, desto besser kann man neue Dinge einsortieren. Maschinelles Lernen konzentriert sich hingegen oft auf eine sehr konkrete Aufgabe und lernt nur über die Fehler, die es beim Lösen der Aufgabe macht. Es hat kein Weltwissen über den Anwendungsfall hinaus und versteht eigentlich nicht einmal die Aufgabenstellung. Das Einzige, was es lernt, ist den Fehler bei der Verarbeitung der Trainingsdaten zu minimieren. Wir hoffen, dass dabei ein System entsteht, das auch bei neuen, unbekannten Eingangsdaten sinnvolle Entscheidungen trifft, aber im Prinzip könnte es auch einfach die Eingabedaten auswendig lernen. EMS: Welche Hürden gilt es im Bezug auf die Perspektive zu überwinden? Vielleicht kannst du da einmal ein Beispiel herausgreifen und erläutern?Bosch: Es hilft, sich seiner Perspektive bewusst zu sein und diese auch wechseln zu können. Dabei gibt es drei wesentliche Eigenschaften einer Problemstellung, die man sich anschauen kann. Die Datenrepräsentation, den Möglichkeitsraum und die Glattheit.Für einen Menschen ist es beispielsweise sehr einfach, einen Satz zu lesen und zu entscheiden, ob der Autor glücklich oder unzufrieden ist. Es war schließlich in unserem Leben von Kindheit an hilfreich, die Stimmung anderer Menschen zu „lesen“.Ein lernendes System weiß nicht einmal, dass es so etwas wie Wörter gibt, und dass diese in Bezug zueinander stehen können. Wir müssen die Daten erst in eine geeignete Repräsentation transformieren. Das einfachste Modell für textuelle Daten ist beispielsweise das sogenannte Bag-of-Words, bei dem jedes Wort als eine getrennte Dimension aufgefasst wird. Dabei g...

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