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Wir warten aufs Internet!

Ein paar Seiten lang warten


„Das dauert ja wieder lange, bis die Seite geladen ist – diese App ist aber zäh.“ Diese Aussagen verwenden wir unbewusst fast täglich, aber warum? Wie erleben wir Ladezeiten und Reaktionszeiten von Websites und Apps? Für jede einzelne Zehntelsekunde wird getweakt, refactort und getunt. Aber warum spielen Zeit und Performance so eine wichtige Rolle? Warum warten wir nicht gerne oder verlassen Websites, wenn uns die Wartezeit zu lange erscheint und nervt? Und wenn wir warten, wie erleben wir diese Wartezeit? Was können wir tun, um das Erleben der Wartezeit zu optimieren?

Neben den oft beschriebenen technischen Feintunings spielen psychologische und neurowissenschaftliche Aspekte für das Erleben von Ladezeiten eine entscheidende Rolle. Reichte früher noch ein Ladebalken oder Spinner, geht der Trend heute zu Skeleton-Content à la Facebook und Slack. Der nachfolgende Artikel beinhaltet Denkmodelle zum Thema Zeiterleben und wie über technische Leistungsoptimierungen hinaus Psychologie und Wahrnehmungsmanagement dabei helfen können, das Erleben von Wartezeiten positiv zu beeinflussen.

Irgendwie warten wir sowieso fast immer ... jetzt auch schon in einem Artikel. Wir warten auf öffentliche Verkehrsmittel, die bestellten Pakete oder auf die große Liebe. Warten betrifft uns alle. Allerdings benötigt man zum Warten eine wichtige Grundvoraussetzung: Zeit.

Wenn ich an Zeit denke, habe ich gleich einen Ohrwurm aus meiner Kindheit im Sinn. Im Jingle zur Fernsehserie „Es war einmal der Mensch“ wurde die Frage gestellt „Was ist Zeit? Ein Augenblick? Ein Stundenschlag? 1 000 Jahre sind ein Tag!“ Vergeht die Zeit zu schnell, neigen wir zu Formulierungen wie „Ach, wie die Zeit vergeht ...“ oder „die Zeit verfliegt“. In geologischen Zeiträumen gemessen, in denen zwischen einzelnen Erdzeitaltern gut und gerne einmal 77 Millionen Jahre vergehen, kann man schon einmal sagen, dass 1 000 Jahre ein Tag sind. Doch wir sind schnelllebig geworden und Zeit ist ein kostbares Gut, von dem wir meist viel zu wenig haben. Warten ist gesellschaftlich als unproduktive Zeit konnotiert, daher kann eine halbe Minute auch mal ganz schnell zu einer halben Ewigkeit werden, und gerade im Kontext von Webseiten und Programmierung wissen wir das alle nur allzu gut.

Gehen wir dem Zeitbegriff also einmal etwas auf den Grund. Benjamin Franklin fasste 1748 das Credo des Industriezeitalters mit seinen Rationalisierungsbestrebungen in wenigen Worten zusammen: „Time is money“ – Zeit ist Geld. Und wann immer wir warten, sind wir unproduktiv. Doch Zeit ist wesentlich vielschichtiger. Im Rahmen des Zeitbegriffs kann nämlich zwischen objektiver und subjektiver Zeit unterschieden werden.

Objektive und subjektive Zeit

Objektive Zeit, oft auch profan als Uhrzeit bezeichnet, ist die objektiv messbare Zeit. Sie verläuft für uns zumindest im durchschnittlichen linearen Erfahrungsraum kontinuierlich, vollkommen gleichmäßig. Die Gegenwart stellt dabei nur den winzigen Durchgangspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft dar (Die Relativität interessiert uns an dieser Stelle nicht). Die objektive Zeit basiert auf naturwissenschaftlichen und astronomischen Konzepten und wird als Konvention zur Strukturierung und Messung von Aktivitäten herangezogen. Die Messung erfolgt anhand metrischer, gleichmäßig gerichteter Einheiten, die von astronomischen und atomaren Bewegungen abgeleitet werden. Ihr bekanntestes Symbol ist die Uhr.

Die subjektive Zeit kann als Gehirnzeit bezeichnet werden. Sie verläuft erlebnismäßig sehr unterschiedlich. Die Gegenwart ist nicht nur ein punktförmiges Erleben, sondern hat durchaus eine bestimmte Zeitdauer. Diese subjektive Zeit tritt auf, wenn ein Individuum eine objektive Zeit einschätzt, und wird durch verschiedenste Faktoren wie z. B. die momentane Stimmung. beeinflusst. Die subjektive Zeit kann sich dabei auf einen Zeitpunkt oder eine Zeitspanne beziehen.

Kognitive Stapelverarbeitung

Zeit lässt sich erleben und kann als eine Folge von Ereignissen angesehen werden. Jedes Ereignis besteht dabei aus unzähligen Einzeleindrücken. Unser Gehirn ist ein wahrer Meister darin, diese einzelnen Impressionen für uns aufzuarbeiten und verständlich zu machen. Ein bekanntes Beispiel – nicht nur für Designer –, das die Stapelverarbeitungsfähigkeiten unseres Gehirns gut veranschaulicht, kommt aus der Gestaltpsychologie (und hat eigentlich gar nichts mit Zeit zu tun).

fries_warten_1.tif_fmt1.jpgAbb. 1: Figur und Grund – Wer sieht den Dalmatiner? [1]

Das Gestaltprinzip von Figur und Grund – das Bild vom gepunkteten Dalmatiner (Abb. 1) gilt in der Psychologie als Beispiel für die ganzheitliche Erfassung der Gestalt in der Wahrnehmung. Es werden hier nicht zuerst die einzelnen Gliedmaßen erkannt und erst dann zum Hund zusammengesetzt, sondern das Bild aus den dunklen und hellen Flächen emergiert. Unser Gehirn ist schon phänomenal. Und auch was unsere Erinnerungen angeht, macht das Gehirn ein paar kuriose Dinge.

Kurzzeitgedächtnis

Wie erinnern wir uns an die erlebte Zeit im Kurzzeitgedächtnis? Auch hier verhält sich das Gehirn äußerst kurios und bei Weitem nicht intuitiv. Ereignisse, die Spaß gemacht haben und fesselnd, aber kurz waren, werden uns als lang in Erinnerung bleiben, wohingegen wir uns an eintönige Ereignisse, bei denen nichts passiert ist, als kurz erinnern.

Um das zu verstehen, stellen wir uns den Erinnerungsspeicher als komprimiertes ZIP-Archiv vor. Das Gehirn komprimiert lange Ereignisse, beispielsweise eine lange, monotone Autofahrt. Die Erinnerungen an all die Nummernschilder, die man gesehen hat, wären ziemlich überflüssig und nutzlos in unserem Erinnerungsspeicher. Als Nebeneffekt empfinden wir später die vergangene Zeit als wesentlich kürzer. Ergo erscheinen uns im Kurzzeitgedächtnis monotone Events im Nachhinein kürzer als sie eigentlich waren. Cooler Trick. Wir schauen uns aber jetzt eine besondere Form des Zeiterlebens an: das Warten.

Warten als Sonderform des Zeiterlebens

Im Duden wird warten als schwaches Verb geführt, bei dem einem Ereignis entgegengesehen wird, man sich brav an einem Ort aufhält, bis sich etwas ereignet, oder irgendjemand kommt (in diesem Fall wird man gewartet, da der- oder dasjenige dafür sorgt, dass wir warten müssen). Eine weitere Bedeutung von warten wird häufig vergessen, nämlich etwas aktiv hinauszuzögern bzw. vor sich her zu schieben. Eine weitaus schönere Definition liefert uns Dr. Andreas Göttlich, ein Soziologe an der Uni Konstanz. Er definiert Warten als das „Erleben von Zeit“ [2]. Ich würde an dieser Stelle sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen „Warten ist das bewusste Erleben von Zeit“. Warten fordert uns und unsere Geduld. Und Warten ist von äußeren Umständen abhängig, etwa davon, wie und worauf und auch wo wir warten.

Beim Begriff „Warten“ denken viele sofort an eine Warteschlange – den Inbegriff des Wartens. Die Warteschlange ist eine englische Erfindung mit soziologischem Tiefgang. In der Warteschlange spiegelt sich ein egalitäres gesellschaftliches Grundprinzip wider. In der Schlange zählt nicht der gesellschaftliche Stand, sondern wer zuerst kommt, mahlt zuerst – „first come, first served“. Die Zeit eines jeden Menschen in der Schlange ist gleich viel wert – jetzt seht ihr die Warteschlange sicher mit ganz anderen Augen.

Aber wir warten nicht immer nur in einer Schlange. Wir warten in Meetings, wir warten in unserer Freizeit, in der Kneipe, im Restaurant, im Café etc. Wir warten im Verkehr, ob im Stau, an der Ampel, am Zebrastreifen oder am Bahnhof oder Flughafen, weil das Transportmittel Verspätung hat. Wir warten im Sport, dort wird Warten sogar als Strafe eingesetzt. Und letztendlich warten wir in stickigen Räumen oder kalten Fluren auf Ärzte oder bürokratische Akte. In all diesen Situationen verbringen wir Wartezeit. Und gerade diese Wartezeit ist interessant, denn sie gestaltet sich je nach Ausprägung unterschiedlich: Wartezeiten … [3]

  • … fühlen sich unbeschäftigt länger an als beschäftigt.

  • … fühlen sich, wenn ungewiss, länger an als bekannt. … fühlen sich ungeklärt länger an als erklärt.

  • … fühlen sich je nach Gefühlslage länger an.

Warten bedeutet Unterbrechungen im Zeitfluss. Daraus entsteht Ungeduld, heute verstärkt durch unser verschärftes Zeitnutzungsprinzip, Zeit effizient, produktiv und optimiert zu nutzen. Bei meinen Vorträgen mache ich gerne ein Experiment und unterbreche den Zeitfluss mitten im Vortrag. Ich lasse das Auditorium einfach nur warten, ohne Smartphone oder etwas zu lesen, und anschließend schätzen, wie lange die objektive Wartezeit war. Dabei erleben die Zuhörer eine unbeschäftigte Wartephase, es ist ein unbeschäftigtes Zeiterleben. Dieses unbeschäftigte Warten wird von einer großen Mehr...

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