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Java Magazin
Editorial

Wir brauchen keine Diktatoren, auch keine gütigen

Einst repräsentierte die Open-Source-Bewegung eine Art Utopia. Fernab hierarchischer Strukturen vernetzten sich Leute, die weit über den Globus verstreut lebten, um sich mit der Entwicklung freier Software zu befassen. Ob bei Linux, Apache, PHP oder Python - es galt stets das Prinzip der Meritokratie, eine Art Leistungskultur, bei welcher demjenigen, der am meisten zum Projekt beiträgt, auch am meisten Entscheidungsbefugnisse zugestanden werden.

Sebastian Meyen


Doch wie bei den meisten Revolutionen sind auch bei Open Source die tätigen Revolutionäre selten angenehme Zeitgenossen und die Strukturen, unter welchen kommuniziert wird, alles andere als gerecht. So finden sich analog zur Diktatur des Proletariats der kommunistisch-sozialistischen Bewegungen nicht wenige Hinweise auf die Verherrlichung eines Benevolent Dictators in der Open-Source-Community. Ein solcher „gütiger Diktator“ ist Linus Torvalds, Erfinder von Linux und seitdem Maintainer des Kernels. Eine von der Informatikprofessorin Megan Squire durchgeführte Analyse ergab, dass in 21 000 E-Mails, die Torvalds innerhalb von vier Jahren an die Linux-Kernel-Mailingliste sendete, etwa eintausend (!) mindestens eines der Wörter „Crap“, „Slut“, „Bitch“, „Bastard“ oder eine Kombination aus diesen enthielt. Immerhin erkennt der mittlerweile 48-jährige nun an, dass es vielleicht doch eine gute Idee sein könnte, seinem mangelnden Gespür für andere Menschen nicht ungehemmt freien Lauf zu lassen. Torvalds, der noch 2013 die Forderung nach professionellen Umgangsformen barsch zurückwies, entschuldigte sich jetzt in einem Schreiben und will sich vorübergehend von seiner Aufgabe zurückziehen, um an seinem Verhalten zu arbeiten.Interessant an dem Vorgang ist, dass der rüde Umgangston auf so mancher Open-Source-Mailingliste viele potenzielle, talentierte Mitwirkende abstößt. So werden die Open-Source-Teams einseitig, fernab von jeglicher Idee der Inklusion und Diversität.Ganz anders übrigens der Gründer und Maintainer der Programmiersprache Python, Guido van Rossum: Dieser bemühte sich über Jahre, Frauen zu ermutigen, sich als Core-Entwicklerinnen zu beteiligen. Auch er zog sich jetzt zurück, jedoch um nachfolgenden Generationen Platz zu machen.So unterhaltsam die anarchischen Tiraden eines Linus Torvalds (das öffentliche „Fuck You“ in Richtung NVIDIA) zuweilen sein konnten, so kontraproduktiv ist letztlich der Mangel an Professionalität.Und nicht zuletzt sollten wir besser an der Stärkung und Weiterentwicklung demokratischer Strukturen arbeiten, anstatt uns an autoritären Diktaturen zu orientieren, seien sie auch noch so wohlgesonnen. Sebastian Meyen | Chefredakteur

Ein solcher „gütiger Diktator“ ist Linus Torvalds, Erfinder von Linux und seitdem Maintainer des Kernels. Eine von der Informatikprofessorin Megan Squire durchgeführte Analyse ergab, dass in 21 000 E-Mails, di...

Java Magazin
Editorial

Wir brauchen keine Diktatoren, auch keine gütigen

Einst repräsentierte die Open-Source-Bewegung eine Art Utopia. Fernab hierarchischer Strukturen vernetzten sich Leute, die weit über den Globus verstreut lebten, um sich mit der Entwicklung freier Software zu befassen. Ob bei Linux, Apache, PHP oder Python - es galt stets das Prinzip der Meritokratie, eine Art Leistungskultur, bei welcher demjenigen, der am meisten zum Projekt beiträgt, auch am meisten Entscheidungsbefugnisse zugestanden werden.

Sebastian Meyen


Doch wie bei den meisten Revolutionen sind auch bei Open Source die tätigen Revolutionäre selten angenehme Zeitgenossen und die Strukturen, unter welchen kommuniziert wird, alles andere als gerecht. So finden sich analog zur Diktatur des Proletariats der kommunistisch-sozialistischen Bewegungen nicht wenige Hinweise auf die Verherrlichung eines Benevolent Dictators in der Open-Source-Community. Ein solcher „gütiger Diktator“ ist Linus Torvalds, Erfinder von Linux und seitdem Maintainer des Kernels. Eine von der Informatikprofessorin Megan Squire durchgeführte Analyse ergab, dass in 21 000 E-Mails, die Torvalds innerhalb von vier Jahren an die Linux-Kernel-Mailingliste sendete, etwa eintausend (!) mindestens eines der Wörter „Crap“, „Slut“, „Bitch“, „Bastard“ oder eine Kombination aus diesen enthielt. Immerhin erkennt der mittlerweile 48-jährige nun an, dass es vielleicht doch eine gute Idee sein könnte, seinem mangelnden Gespür für andere Menschen nicht ungehemmt freien Lauf zu lassen. Torvalds, der noch 2013 die Forderung nach professionellen Umgangsformen barsch zurückwies, entschuldigte sich jetzt in einem Schreiben und will sich vorübergehend von seiner Aufgabe zurückziehen, um an seinem Verhalten zu arbeiten.Interessant an dem Vorgang ist, dass der rüde Umgangston auf so mancher Open-Source-Mailingliste viele potenzielle, talentierte Mitwirkende abstößt. So werden die Open-Source-Teams einseitig, fernab von jeglicher Idee der Inklusion und Diversität.Ganz anders übrigens der Gründer und Maintainer der Programmiersprache Python, Guido van Rossum: Dieser bemühte sich über Jahre, Frauen zu ermutigen, sich als Core-Entwicklerinnen zu beteiligen. Auch er zog sich jetzt zurück, jedoch um nachfolgenden Generationen Platz zu machen.So unterhaltsam die anarchischen Tiraden eines Linus Torvalds (das öffentliche „Fuck You“ in Richtung NVIDIA) zuweilen sein konnten, so kontraproduktiv ist letztlich der Mangel an Professionalität.Und nicht zuletzt sollten wir besser an der Stärkung und Weiterentwicklung demokratischer Strukturen arbeiten, anstatt uns an autoritären Diktaturen zu orientieren, seien sie auch noch so wohlgesonnen. Sebastian Meyen | Chefredakteur

Ein solcher „gütiger Diktator“ ist Linus Torvalds, Erfinder von Linux und seitdem Maintainer des Kernels. Eine von der Informatikprofessorin Megan Squire durchgeführte Analyse ergab, dass in 21 000 E-Mails, di...

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