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Homeschooling und Agilität

Das agile Klassenzimmer


Schule zu Corona-Zeiten war gerade in den ersten Monaten oft kein Distanzunterricht, sondern viel zu häufig Homeschooling mit viel elterlicher Unterstützung. Das war ungewohnt und wir mussten uns zu Hause entsprechend organisieren. Wie es uns dabei ergangen ist und welche Parallelen mir dabei zu den Voraussetzungen für gelungene Agilität in Softwareentwicklungsteams aufgefallen sind, wo wir oft auch spontan, aber einigermaßen geordnet auf neue Situationen reagieren müssen, davon handelt dieser Artikel.

Die vergangenen 12 Monate waren für die meisten von uns so ganz anders als die Jahrzehnte davor. Durch die Coronapandemie waren und sind wir wieder – beim Schreiben dieses Artikels – in einem „Lockdown“. Durch diese komplett neue und ungewohnte Situation war vieles plötzlich möglich, was lange Zeit als unmöglich galt: Homeoffice in vielen Branchen, Remoteteams, hybride und reine Onlinekonferenzen. Zum Glück wurden wir erst 2020/21 von einer solchen Pandemie erwischt, nicht zehn oder zwanzig Jahre früher. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie gut (oder eher nicht so gut) das damals geklappt hätte – die Technologien und die digitale Infrastruktur waren längst noch nicht so weit.

Es gab zahlreiche langwierige Diskussionen, wie man die Pandemie wirksam bekämpfen könnte. Eine der Ideen, heiß umstritten: Schulschließungen. Die Kinder müssen zu Hause bleiben und im Distanzunterricht den Schulstoff lernen. Auch wenn alle sich gleichermaßen daran gewöhnen müssen und es zu Anfang sicherlich etwas ruckelte, sollte das doch möglich sein? Die Realität war/ist aber viel zu häufig: Homeschooling, d. h. der „Distanzunterricht“, bestand oft nur daraus, dass die Kinder von den Lehrern Aufgabenblätter zugeschickt bekamen, ohne dass sie im neuen Stoff ausreichend unterrichtet wurden. So mussten Eltern plötzlich in eine ungewohnte Rolle springen und ihre Kinder zu Hause unterrichten. Oder zumindest sehr zeitintensiv dabei mithelfen. Das war und ist für viele eine Herausforderung.

Und genau von dieser Herausforderung handelt dieser Erfahrungsbericht aus den Monaten ab März 2020: von den Herausforderungen, die wir zu Hause hatten, und wie wir versucht haben, sie zu lösen, was die Schule an Unterstützung bot, wie sich alles über den Sommer weiterentwickelt hat und wie der aktuelle Stand im Winter 2020/21 ist. Was das alles mit Softwareentwicklung zu tun hat? Wir mussten in der Familie spontan mit einer ungewohnten, unklaren Situation zurechtkommen und uns dafür möglichst gut organisieren und strukturieren. Vieles von dem, was ich dabei mit meinem Sohn erlebt habe, hat mich an die Arbeit in Softwareentwicklungsteams erinnert, inklusive der Herausforderungen, die mir dabei öfters begegnen. Das waren gar nicht so sehr die großen Dinge, sondern viele Kleinigkeiten, die aber in Summe den Unterschied machen, ob man eine Aufgabe nur irgendwie, gerade so und mit viel Stress erledigt, oder ob man das Ergebnis mit gutem Bauchgefühl und Überzeugung als angemessen, gut bzw. gut genug präsentieren mag. Und diese Erkenntnis, dieses Bewusstwerden, hilft hoffentlich auch anderen – nicht nur beim Homeschooling, sondern vielleicht auch bei der Softwareentwicklung.

Die Ausgangssituation

Jedes Jahr Ende Februar/Anfang März gibt es in Hamburg zwei Wochen Winterferien, auch „Skiferien“ genannt. Was etwas komisch anmuten mag, denn Hamburg ist nicht gerade für hohe Berge bekannt. Aber so haben wir Nordlichter einmal im Jahr die Chance, relativ ungestört die klassischen Wintersportgebiete zu besuchen. Während also gefühlt die halbe Stadt in den Alpen unterwegs war, war ich gerade dabei, ein Pair- und Mob-Programming-Coaching beim Kunden vor Ort zu beenden – durch eine glückliche Fügung war ein Teil des Teams remote, was mich im Vorfeld dazu gebracht hatte, meine Homeofficetechnik auf einen aktuellen Stand zu bringen [1]. Danach hatten wir ein paar Tage zu Hause im Familienkreis geplant.

Inzwischen erreichten uns in Deutschland immer mehr Nachrichten, dass sich das Coronavirus, das man lange als „nicht unser Problem“ angesehen hatte, weiter ausbreitete. Wir genossen unsere Ferien weiter zu Hause und wegen des üsseligen Wetters hatten wir viel Vater-Sohn-Zeit, in der wir coole alte Technik reaktivierten. Aber am Ende der Ferien hatten wir doch alle schon ein bisschen Lagerkoller und waren froh, dass es nun bald wieder zur Arbeit bzw. in die Schule gehen sollte.

Während die Bevölkerung nach und nach aus Ischgl und Co. zurück in die Hansestadt kam, schnellten die Infektionszahlen nach oben. Am letzten Ferientag, bezeichnenderweise einem Freitag dem 13., beschloss die Schulverwaltung in Hamburg, dass es nach den Ferien keine Rückkehr zum Präsenzunterricht geben würde, sondern die Schulen für fünf Wochen geschlossen blieben. Oh.

Erst fünf Tage später – also während das Homeschooling in Hamburg schon lief – hatte dann Kanzlerin Merkel in ihrer Fernsehansprache die bundesweiten Kontaktbeschränkungen bekanntgegeben, mit dem sie uns auf den ersten „Lockdown“ vorbereitete. Wobei das damals nur Kontaktbeschränkungen waren. Echte Lockdowns mussten diverse andere Länder durchleben; seit Anfang 2021 haben wir bundesweit eine kleine Ahnung davon, was das bedeutet. In Folge der Kontaktbeschränkungen ergaben sich aber dennoch Situationen, die viele so noch nie erlebt hatten: Lange Schlangen vor den Geschäften und leere Regale darin. Es gab aber auch unerwartet positive Erlebnisse durch schnelle, pragmatische Lösungen: So wurde der private Musikinstrumentenunterricht sofort mit dem ersten Tag der Kontaktbeschränkungen remote per Videokonferenz durchgeführt, was ich im Künstlerumfeld so nicht erwartet hätte.

Die Herausforderung

Aber zur Schule. Plötzlich waren also alle in einer komplett ungewohnten Situation und in ungewohnten Rollen. Lehrer sollten Fernlehrer werden, statt Präsenzunterricht sollte es nun ab sofort Onlineunterricht zu Hause geben. Wir Eltern hatten die Kinder dadurch nun vormittags zu Hause, was häufig zu Platzproblemen und gegenseitigen Störungen führte. Rücksichtnahme wurde oft auf eine harte Probe gestellt. Vor allem aber mussten alle (Kinder, Eltern und Lehrer) Neues lernen: neues Verhalten, neue Technologien, und das in bis dato ungewohnter Geschwindigkeit.

Wie gut hat das geklappt? Geht so. Wenn man sich in der Elternschaft umhört und in der Presse umschaut, gab es diverse Probleme, da der Digitalunterricht gar nicht, zu wenig oder nicht konsequent genug umgesetzt wurde, die Eltern (und vermutlich manchmal auch die Lehrer) sich oft überfordert fühlten und Angst hatten, zu versagen – und vor allem dauern diese Probleme jetzt noch an, da die Monate zwischen Frühjahr und Winter 2020 oft nicht genutzt wurden, um die anfänglichen Probleme zu beseitigen oder deutlich abzumildern. War die Schockstarre bei Behörden und behördenähnlichen Organisationen zu Beginn des Lockdowns noch verständlich, so war sie es nach zehn Monaten jedoch nicht mehr.

Die offensichtlichsten Probleme betrafen die technische Ausstattung. Funktionierende Videokonferenzlösungen wie Zoom oder Microsoft Teams wurden aus Datenschutz- und Sicherheitsbedenken oft abgelehnt. In anderen Bereichen wurden aber gleichzeitig äußerst fragwürdige Produkte gewählt, wie z. B. WhatsApp für das Messaging (weil es ja jeder hat und weil es so schön bequem ist). Dieses Messen mit zweierlei Maß sorgte für Frust – oder sogar für öffentliche Verwarnungen [2] – bei denen, die kurzfristig helfen wollten, um mittelfristig bessere Lösungen finden zu können. Und die Suche nach der perfekten, möglichst zentralen Lösung für alle und alles verhinderte pragmatische Lösungen.

Nicht falsch verstehen: Datenschutz ist gut und wichtig. Aber damit das akzeptiert wird, muss die verordnende Stelle (in diesem Fall wohl die Schulbehörde) funktionierende Lösungen zur Verfügung stellen – oder besser noch dabei unterstützen (personell, finanziell, durch pragmatische Entscheidungen und Vorgaben), damit dezentral möglichst viele funktionierende, sichere, DSGVO-konforme Lösungen ausprobiert und später verglichen werden können. Einfach nur abwarten und darauf hoffen, dass wieder Präsenzunterricht stattfinden kann, ist Versagen. Firmen wären durch so eine Strategie schon längst bankrott.

Denn was man schnell gemerkt hat: Aufgaben per E-Mail oder durch Kopien/Ausdrucke etc. stellen ist etwas ganz anderes als Unterricht und Lehre. Letztere ist aber dringend notwendig, auch auf Distanz. Onlinevideoschulstunden und Klassenchats – und als Tafelersatz eigentlich auch Onlinewhiteboards zur Kollaboration – sind notwendig für den Klassenzusammenhalt und eine Atmosphäre, in der unter Anleitung einer Lehrkraft gelernt werden kann. Ohne passende Technik wurde aus der Schule mit Lehrern also viel zu häufig Homeschooling mit dem ausschließlichen Bearbeiten von Aufgabenzetteln. Und mangels ausreichendem Kontakt zu den Schullehrern wurden aus Eltern plötzlich Ersatzlehrer. Das muss man auch erstmal können.

Und dann gab es auch noch eine berufliche Veränderung: Vermutlich aus Angst vor den nicht abschätzbaren finanziellen Folgen der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen wurden von jetzt auf gleich sämtliche meiner geplanten Projekteinsätze und Coachings abgesagt. Letztlich hatte ich komplette zwei Monate keine Aufträge, bevor die Anfragen ganz langsam wieder stiegen. Ich weiß, dass das verglichen mit anderen Berufszweigen – Eventbranche, Restaurants – harmlos war; zumal Freiberufler gerade in unserer Branche immer mit gewissen Ausfällen zurechtkommen müssen. Aber dennoch waren die Aussichten in diesem Moment sehr düster.

Wie geht man mit dieser Situation um? Als überzeugter Agilist versuche ich immer, Veränderung als Chance zu sehen. Damit man solche Chancen ergreifen kann, braucht es Fokus und Mut – zwei Kernwerte von Agilität. Aber Fokus auf was? Möglichst schnell irgendein neues Projekt finden? Nein. Im Familienrat hatten wir schnell beschlossen, dass ich mich ganz auf die Familie konzentrieren sollte. Wir hatten Glück, dass meine Frau genauso spontan ihre Stunden im Job erhöhen konnte, sodass wir zumindest keine existenziellen Ängste durchleben mussten. Der Fokus war also k...

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