Java Magazin - 07.2012 - Big Data in der Praxis


Preis: 9,80 €

Erhältlich ab:  Juni 2012

Umfang:  116

Autoren / Autorinnen: Dr. Peter Hruschka, Dr. Gernot Starke, Mirko Kämpf, Tam Hanna, Pavlo Baron, Bernd Fondermann, Michael Müller, Sebastian Meyen, Matthias Weßendorf, Lars Röwekamp, Christian Grobmeier, Kai Spichale, Simone Tripodi, Christian Meder, Andrew Kenworthy, Andreas Hartmann, Christian Köberl, Nico Alpert, Bjarne Jansen, Birgitta Böckeler, Angelika Langer, Klaus Kreft, Dirk Schmid, Dr. Stefan Igel, Valentino Pola, Konstantin Diener, Matthias Zimmermann

Es hört sich wie ein Witz an: Die Jury im Patentprozess zwischen Oracle und Google ist Anfang Mai zu dem Ergebnis gekommen, dass es da neun Zeilen Code in Android gebe, die das Kriterium der Patentverletzung erfüllen. Neun Zeilen? Ach ja, so ganz sicher waren sich die Juroren dabei dann doch nicht, ist ja auch schwer zu beurteilen bei einer so großen Codebasis. Und von Richter William Alsup wird kolportiert, dass er angesichts der Forderung Oracles, daraus einen Streitwert von einer Milliarde Dollar zu machen, mit Kopfschütteln reagiert habe (das amerikanische Recht sieht für solche Urheberrechtsverletzungen eine Strafzahlung von maximal 150 000 Dollar vor, heißt es übereinstimmend in mehreren Medien).

Kurios genug, dass sich Richter Alsup mittlerweile selbst in die Java-Programmierung eingearbeitet hat, um mit eigenen Sinnen zu erfahren, dass das Schreiben einer Methode wie der fraglichen RangeCheck nahezu trivial ist. Kann man da von einer Urheberrechtsverletzung sprechen?

Wir sind allerdings keine Juristen und haben auch nicht die Absicht, auf Stammtischniveau für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen; doch lassen Sie mich einige allgemeine Dinge zum Thema Software­patente sagen.

Softwarepatente, wie sie in den USA existieren (und in Europa gottlob noch nicht), entstammen einem längst vergangenen Zeitalter. Gemacht dafür, Industriegüter, in denen komplexe Forschung und aufwändige Fertigungsmethoden stecken, gegen einfaches Nachahmen zu schützen, greifen die uralten Regelungen im Bereich der Software nicht mehr.

Das Problem: Softwarepatente sind grundsätzlich unscharf formuliert, und die Grenzlinie zwischen genialer Erfindung und banalem Funktionsaufruf ist mitunter schwer zu ziehen. Diese Unschärfe bringt es mit sich, dass insbesondere in den USA derjenige die Oberhand behält, der die besseren, sprich: teureren Anwälte mobilisieren kann. Da wird der Markt für kleinere Unternehmen und insbesondere für Start-ups zum wahren Minenfeld! Ursprünglich entwickelt, um Erfindergeist zu schützen und dem Markt einen kontinuierlichen Fluss an Innovationen zukommen zu lassen, dienen die Softwarepatente heute dazu, Innovation zu verhindern! Das Patentrecht hat sich im Bereich der Software selbst pervertiert.

Schlimmer noch, für die Großen der Branche ist der Einsatz von Patenten eine alltägliche Waffe im Kampf um Marktanteile geworden. Es sieht so aus, als steuerten wir auf eine Periode zu, in der nicht die bessere Technologie oder das innovativere Produkt über den Erfolg entscheiden, sondern erstrangig die Frage, wer das größere Portfolio an Patenten besitzt, die gegen den Gegner in Stellung gebracht werden können.

Wer allerdings erwartet, dass ein rechtlich sauberes Softwareprodukt zu hundert Prozent von dessen Urheber selbst geschrieben sei, unterliegt aber einem fatalen Irrtum und offenbart eine krasse Unkenntnis darüber, wie Softwareentwicklung – ja, Innovation im Allgemeinen – heute funktioniert. Wir müssen Software heute im Sinne von Bausteinen denken: der eine schreibt den Code, der nächste entwickelt ihn weiter, und ein Dritter macht etwas völlig anderes daraus. So entstehen immer höhere Ebenen der Innovation. Diesen Prozess zu fördern, ist der Segen der Open-Source-Lizenz, die aber offenbar mit einem völlig überkommenen Patentrecht in Konkurrenz steht.

In Zeiten der hoch emotionalisierten Debatte um das Urheberrecht (auch in Deutschland) möchte ich dabei bemerken, dass dies keineswegs ein Plädoyer für eine Freibierkultur sein soll. Als Redakteur und Verleger bin ich selbst daran interessiert, dass ein Urheberrecht die Grundlagen unseres Geschäfts schützt. Dies gilt für Verlage wie für Softwareproduzenten und vermutlich für eine ganze Reihe weiterer Branchen.

Eine Anpassung des Urheberrechts ans digitale Zeit­alter ist dringend notwendig – weltweit, wie der Fall der neun Codezeilen gerade gezeigt hat.

In diesem Sinne: Viel Spaß bei der Lektüre der vorliegenden Ausgabe.

meyen_sebastian_sw.tif_fmt1.jpgSebastian Meyen, Chefredakteur
Twitter: @javamagazin
Google+: gplus.to/JavaMagazin

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