© saicle/Shutterstock.com
Wie man dem Spuk der Barrierearmut ein Ende bereitet

Der Geist der Barrierefreiheit


Während der Entwicklungszeit einer neuen Webseite oder Webanwendung geistert in den Räumen von Fachseite, Designern und Entwicklern hin und wieder das Thema Barrierefreiheit umher. Immer mal wieder steht es hinter einem – schemenhaft und angsteinflößend – aber kaum dreht man sich um, ist der Geist weg. Es bleibt nur das beklemmende Gefühl, dass da was ist – etwas, das nach Aufmerksamkeit verlangt.

Meist ignorieren wir dieses Gefühl, denn das Beschäftigen mit dem Thema kostet uns nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Das schöne Design könnte ja gebrochen werden müssen, oder die Entwickler müssen dreifach so viel Code produzieren. Und anstatt das Thema aktiv anzugehen, spukt es weiter. Aber was passiert, wenn man Geister zu lange ignoriert? Sie werden aggressiver. Was in unserem Fall bedeutet, dass es teurer wird, unsere Anwendungen nachzurüsten.

Je nachdem, in welchem Umfeld wir uns befinden, ist es heute allein schon von Gesetzeswegen unumgänglich, barrierefreies oder zumindest barrierearmes Design und HTML zu produzieren. So sorgt die „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz“ (kurz BITV) von 2002 dafür, dass sich sämtliche digitale IT-Auftritte aller Behörden der Bundesverwaltung mit diesem Thema ausführlich beschäftigen müssen. Das BITV basiert ursprünglich auf dem WCAG 1.0 (von 1999), seit 2008 ist hier aber bereits die Version 2.0 der WCAG – Web Content Accessibility Guidelines [1] veröffentlicht. Die WCAG-Richtlinien kategorisieren die Anforderungen nach drei Stufen. Anforderungen aus Level A müssen umgesetzt werden, während die Forderungen des Level AA umgesetzt werden sollten und Anforderungen der Einstufung in Level AAA realisiert werden können. 2011 trat dann auch die BITV2 in Kraft, die im Grunde die WCAG-2.0-Regeln umstrukturiert, in zwei anstelle von drei Stufen eingliedert. Aber warum gelten diese Regeln nur für Seiten von Bundesbehörden, und warum nicht auch für andere?

Ein Grund, weswegen viele Anbieter von Webinhalten das Thema vernachlässigen, basiert auf der Fehleinschätzung, dass es für digitale Medien nur Bildschirm und Drucker als Ausgabemedium gibt und daher gerade blinde und stark sehbehinderte Menschen diese nicht nutzen. Ein zweiter Grund ist das Unterschätzen der Größe des Personenkreises, der auf eingeschränkte Art und Weise Inhalte wahrnimmt. Laut der International Agency for the Prevention of Blindness (IAPB) [2] sind ca. 285 Millionen Menschen weltweit visuell beeinträchtigt. Davon sind ca. 39 Mio. Menschen blind und 246 Mio. leiden unter mittlerer oder starker Sehbehinderung. Ist das wirklich ein zu kleiner Personenkreis?

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es sich anfühlt, durch starke Sehbehinderungen eingeschränkt zu sein, wird empfohlen, die Chrome-Erweiterung NoCoffee [3] auszuprobieren. Besuchen Sie damit einige Ihrer Lieblingswebsites – es ist ernüchternd zu sehen (oder eher nicht zu sehen) wie schwer die schönen Designs zu erkennen sind. All die netten kleinen Graphiken, sorgfältig platzierte Elemente oder Aufmerksamkeit erregende Farbkontraste verlieren fast gänzlich ihre Wirkung. Für besonders Mutige: Versuchen Sie einmal, damit ein CAPTCHA zu lösen! Abbildung 1 und 2 zeigen eine Beispielwebsite einmal mit und einmal ohne Beeinträchtigung.

heidler_barriere_1.tif_fmt1.jpg Abb. 1: Screenshot der Homepage von Accso ohne Beeinträchtigung
heidler_barriere_2.tif_fmt1.jpg Abb. 2: Screenshot der Homepage von Accso mit verschwommener Sicht

Ab einer gewissen Schwere der Behinderung ist die Nutzung von Tools erforderlich, die den Zugang zu den Inhalten des Webs auch für schwer eingeschränkte Personen ermöglichen. Statistiken zu diesem Thema sind rar und oft nur eingeschränkt aussagekräftig. Die Studie „Web 2.0/barrierefrei“ der Aktion-Mensch [4] kam zu folgenden Ergebnissen: 91 Prozent der blinden Befragten nutzen einen Screenreader für die Internetnutzung, 70 Prozent eine Sprachausgabe und 85 Prozent eine Braillezeile – ein Gerät, auf dem Text in Blindenschrift dargestellt wird. Das Gerät wird dabei oft durch einen Screenreader angesprochen, der die Inhalte des Bildschirms analysiert und für die Braillezeile aufbereitet. Bilder und Videos können hier nicht „übersetzt“ werden.

Eine Grundlage für die erfolgreiche Verwendung solcher Tools ist ein valider und korrekter Einsatz geeigneter Möglichkeiten von HTML. Eine vollständig barrierefreie Seite zu gestalten, ist mit den heutigen Anforderungen eines modernen und attraktiven Designs so gut wie nicht zu vereinbaren. Inhaltstragende Animationen, graphische Navigationselemente oder auch individuelle Eingabeformulare allein machen es Screenreadern schwer, den Inhalt strukturiert und umfassend wiederzugeben. Auch hier kann man sich schnell einen Eindruck verschaffen. Erforschen Sie doch mal Ihre Lieblingswebsite, oder aber eine Website, die gerade entwickelt wird, indem Sie einen Screenreader verwenden. Dabei hilft das Chrome-Plug-in ChromeVox [5] oder das Open-Source-Produkt des NVDA Project [6]. Das Ergebnis ist eine deutlich andere User Experience. Je umsichtiger das Design und der HTML-Code der Seite gestaltet sind, desto strukturierter und hilfreicher werden Ihnen die Informationen der Website übermittelt.

Wie können Designer und Redakteure helfen

Das Design einer Webanwendung oder Webseite hat großen Einfluss auf die Barrierefreiheit bzw. -armut. Hier kann über durchdachtes Strukturieren des Inhalts schon viel getan werden, um die Seite nutzerfreundlicher zu gestalten.

Text ist dabei mehr als nur das bloße Übertragen von Informationen. Auch wie der Text formuliert ist, hat Einfluss. So sollten Slangbegriffe, Kunstworte und nicht standardisierte Wörter vermieden werden. Ein Screenreader kann zum Beispiel mit dem Begriff n00b (ein Anfänger) nichts anfangen und wird das Wort aufgrund der Verwendung der Zahlen nicht korrekt vorlesen können.

Wir Designer sollten uns auch immer die Frage stellen, wie der Inhalt bei deaktiviertem CSS und/oder JavaScript dargestellt werden kann und sollte....

Neugierig geworden?

Angebote für Teams

Für Firmen haben wir individuelle Teamlizenzen. Wir erstellen Ihnen gerne ein passendes Angebot.

Das Library-Modell:
IP-Zugang

Das Company-Modell:
Domain-Zugang