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Teil 4: Zugänglichkeit und Barrierefreiheit

Digitale Produkte für alle


Digitale Produkte sollen auch von Nutzern mit Handicaps zu bedienen sein. Für viele Menschen existiert eine große Menge unüberwindbarer Barrieren, die sie in ihrer Nutzung bestimmter Anwendungen behindern bzw. beeinträchtigen. Damit Entwicklung und Design diese Hindernisse abbauen können, müssen wir uns damit auseinandersetzen.

Je weiter digitale Produkte und insbesondere Software in unseren Alltag eindringen, desto mehr müssen wir darauf achten, dass die Produkte auch von allen Anwendern benutzbar sind. Dass Straßenbahnen einen barrierefreien Zugang für alle möglichen Passanten aufweisen sollten, ist unumstritten. Niemand soll von Mobilität ausgeschlossen werden. In der digitalen Welt gilt das leider noch nicht. Doch je mehr es zur unabdingbaren Voraussetzung wird, dass digitale Produkte von allen potenziellen Nutzern bedient werden können, desto größer ist die Notwendigkeit der Umsetzung von Barrierefreiheit in diesem Bereich. Uns als Entwicklern und Designern kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. In diesem Teil unserer Serie „Passgenau für den Nutzer“ geht es um die Barrierefreiheit von Apps, Webseiten und Co. für Nutzer mit Handicaps (Kasten: „Barrierefreiheit“).

Barrieren ergeben sich nicht nur durch körperliche Einschränkungen des Nutzers, zum Beispiel Sehbehinderungen. Sie können auch andere Ursachen haben und zum Beispiel durch die eingesetzte Hard- und Software begründet sein. Hat das Smartphone einen zu kleinen Bildschirm, können Informationen von den Betroffenen unter Umständen gar nicht oder nur schwer gelesen werden. Weitere Hindernisse sind zum Beispiel eine unzureichende Optimierung für bestimmte Browser, ein zu geringer Kontrast zwischen Text- und Hintergrundfarbe oder eine nicht anpassbare Schriftgröße. Gründe für die Einschränkungen können auch in der Person begründet sein, zum Beispiel durch eingeschränkte Sprachkenntnisse. Wir können daher feststellen: Barrieren haben technische und inhaltliche Facetten. Oft ist es sogar eine Kombination von Hindernissen.

Daraus leiten wir ein Ziel ab: Anwendungen sollten so gestaltet sein, dass sie für alle denkbaren Personen und Nutzergruppen möglichst leicht zugänglich sind.

Bevor wir zu konkreten Empfehlungen zur Vermeidung von Barrieren übergehen, sehen wir uns die Gründe für die Einschränkungen etwas näher an.

Körperliche Einschränkungen

Es gibt eine Menge körperlicher Einschränkungen, die das Benutzen digitaler Produkte verhindern bzw. stark einschränken können. In diesem Abschnitt gehen wir kurz auf die verschiedenen Ausprägungen möglicher Handicaps ein, wie sie sich aus einem Leitfaden zur Gestaltung barrierefreier Webseiten ergeben [2]:

  • Blinde Anwender: Für diesen Anwenderkreis müssen alle Informationen alternativ auch als Text vorhanden sein, denn sie können keine Grafiken und Bilder wahrnehmen. Sie arbeiten mit Vorlesegeräten. Die Screenreader leiten die Struktur und Inhalte der Seite aus dem Quelltext ab, d. h. sie können dabei nicht visuell und intuitiv vorgehen.

  • Sehbehinderte Anwender: Optimale Farbkontraste und passende Schriftgrößen sind für diese Nutzer enorm wichtig.

  • Gehörlose Menschen: Hier geht es um Audio- und Videodateien, die durch Text in Form einer kurzen Zusammenfassung oder durch ein vollständiges Transskript zu ergänzen sind.

  • Lernbehinderte: Es handelt sich um Menschen, deren Fähigkeiten, neue Informationen aufzunehmen, sie zu interpretieren und im Gedächtnis zu behalten, eingeschränkt sind.

  • Motorisch behinderte Menschen: Menschen mit Muskel und Nervenerkrankungen, die den Cursor bzw. Mauszeiger i. d. R. mit der Tastatur steuern, da die mausgesteuerte Interaktion für sie oft eine unüberwindliche Hürde darstellt.

  • Epileptiker: Animationen in einem bestimmten Frequenzbereich (ca. 20 Hz) können bei an Epilepsie erkrankten bzw. zu Epilepsie neigenden Personen Anfälle auslösen. Daher ist es empfehlenswert, Flashanimationen und animierte GIFs generell zu vermeiden.

  • Senioren: Senioren werden oft durch festgelegte Schriftgrößen und einem ungünstigen Kontrast zwischen Schrift und Hintergrundfarbe eingeschränkt.

Die Vielfalt der möglichen Einschränkungen führt dazu, dass man seine Applikation bzw. Webseite so gestalten muss, dass sie auch dann noch nutzbar ist, wenn mehrere Einschränkungen zusammentreffen. Die technischen Möglichkeiten dafür haben sich jedoch auch verbessert.

Gesetzliche Regelungen

Leider sind immer noch viele digitale Angebote nicht für jeden zugänglich. Gesetzliche Regelungen, Vorschriften und Richtlinien geben einen Rahmen für die Gestaltung digitaler Produkte vor. Als Grundlage dienen die Web Content Accessibility Guidelines 2.1 (WCAG 2.1). Darauf ist auch die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) aufgebaut. Es handelt sich nicht um testbare Aussagen, sondern um so genannte Recommendations (Empfehlungen), die nicht technikspezifische Statements als Anleitung enthalten. Die WCAG sind pyramidenartig aufgebaut und umfassen vier Ebenen (Abb. 1). Die ersten drei Ebenen sind normativ und stellen eine Art Fundament dar. Die vierte Ebene umfasst ergänzende Dokumente, die regelmäßig aktualisiert werden. Wir gehen kurz auf die einzelnen Punkte ein und beginnen mit den vier Grundprinzipien. Diese sind:

bochkor_all_for_the_user4_1.tif_fmt1.jpgAbb. 1: Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) umfassen vier Ebenen
  • Wahrnehmbar: Informationen und Bestandteile der Benutzerschnittstelle müssen den Benutzern so präsentiert werden, dass diese sie wahrnehmen können.

  • Bedienbar: Alle Bestandteile der Benutzerschnittstelle und Navigation müssen bedienbar sein.

  • Verständlich: Informationen zu und die Bedienung der Benutzerschnittstelle müssen verständlich sein.

  • Robust: Inhalte müssen robust genug sein, damit sie zuverlässig von einer möglichst großen Anzahl von Benutzeragenten einschließlich assistierender Techniken interpretiert werden können.

Diese Grundprinzipien dienen als Basis für zwölf Richtlinien. Die Richtlinien sind nicht testbar. Sie geben nur den Rahmen und eine übergreifende Zielrichtung vor. Durch die Einhaltung der Richtlinien soll sichergestellt werden, dass die Inhalte für möglichst viele Nutzer zugänglich und entsprechend den Fähigkeiten behinderter Nutzer anpassbar sind. Kommen wir zu den einzelnen Richtlinien:

  • Textalternativen: Gemeint ist, dass für alle Nicht-Text-Inhalte alternativ auch Text vorhanden sein soll.

  • Zeitbasierte Medien: Für zeitbasierte Medien wie zum Beispiel Audio- und Videoinhalte sollen zeitlich unbeschränkte Alternativen zur Verfügung gestellt werden.

  • Anpassbar: Die Inhalte sollen so erstellt werden, dass sie auf verschiedene Arten dargestellt werden können, zum Beispiel auch mit einem einfachen Layout.

  • Unterscheidbar: Die Inhalte sollen leicht zu sehen und zu hören sein, zum Beispiel durch die Trennung von Vorder- und Hintergrund.

  • Per Tastatur zugänglich: Alle Funktionalitäten sollen auch per Tastatur bedienbar sein.

  • Ausreichend Zeit: Es soll dem Benutzer ausreichend Zeit zur Verfügung gestellt werden, zum B...

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